Gefangen von Puerto
Puerto de la Cruz, Kreuzportal, Tür zum Heiligen Kreuz oder zum Santo Bimbam,
keine Ahnung- jedenfalls ein ziemlich schönes Fleckchen, Bougainvillea-Büsche,
in Heckenform geschnitten, Palmen, weiße Baluster- viel früher mal Hafenstadt gewesen,
so um 1600 herum, als die spanischen Herrschaftshäuser anfingen, weltweit business per Schiff zu machen.
Leider war der Hafen für große Kähne nicht geeignet. Dadurch und durch andere Umstände haben sich die Puertiter gegen Neunzehnhundert entschlossen, umzusatteln und
wintermüde, möglichst reiche Touristen aus England und Deutschland samt ihren Psychokrisen und Wehwehchen aufzufangen.
Zuerst war es noch ziemlich exklusiv, das Pflaster von Puerto und das Casino
und die Fischergässchen mit ihren Original Fischern, man konnte sich eine Portion echte Armut reinziehen, mitsamt Fischgeruch, ein Erlebnis für die aquarellierenden Damen der feinen ausländischen Gesellschaft.
Heute ist ein Aquarell bei den Touri´s eher nicht mehr gefragt, das bezahlt keiner mehr
und man weiß auch den Unterschied gar nicht zwischen Aquarell und Acryl. Ist alles bunt.
Die paar richtigen Maler in Puerto von heute, oft Russen und andere hardcore-Ostler
haben sich deshalb auf riesige Karikaturen oder plastische Kreideporträts (nach Fotovorlage) verlegt.
Es geht schnell, sieht „natürlich“ aus und ist für jeden Taubenzüchter aus dem Kohlenpott
erschwinglich. Und: es ist ein echtes Gemälde,- kann man überall vorzeigen, ohne rot zu werden!
Sind gute Leute darunter, die da an der Zona Martíanez sitzen, bisschen schmuddelig vielleicht, dreckige Haare, paar Pickel, aber sie können was!
Manche kommen sogar von russischen Kunsthochschulen, könnten was geworden sein im Westen,
zu spät rübergewechselt oder aber die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Pech eben.
Wenn man da so sitzt, kann man echt seine Studien machen, also Leute gibt´s !
Man glaubt gar nicht, wieviele widerliche Typen auf der Welt rumlaufen.
Das Schwimmbad haben sie ja schön hingekriegt, alles von Cesar Manrique erfunden,
dem Vorzeigearchitekten aus Lanzarote,- leider von einem Autoausflug nicht lebend zurückgekommen. Trotzdem, alles schön weiß, künstliche Felsen vom Feinsten und das Wasser! Könnte fast kein Meer sein.
War da neulich das junge deutsche Ehepaar, oder war´s auch keins, egal, jedenfalls im Schwimmbad oben, wo das Gelände ans ehemalige Cafe Columbus stösst, die lagen so da die beiden, Hand in Hand
im Gras auf einer Decke. Ich sehe sie noch vor mir- konnten noch nicht lange zusammen sein.
Nach einer Weile bemerkten sie die alte Frau.
Nein, stimmt nicht- zuerst sah die junge Frau die Alte. Deutete zu ihrem Mann,
daß da unten, unterhalb vom Schwimmbad jemand war.
Ich wußte gleich, daß sie die Alte entdeckt hatte. Jeder kennt sie mit ihrem Hund, sie ist immer dort, zwischen den Aufgängen mit den rostigen Gittertüren, die ehemals wer weiß was absicherten.
Das soll bald alles abgerissen werden.
Die junge Frau guckte immer wieder runter, sah ganz ratlos aus, sprach wieder mit dem Mann, beide sahen runter. Erneute Beratung.
Ich konnte nicht anders, musste mal nachsehen, was mit der Alten los war!
Aber es war nichts Besonderes, sie saß da wie immer, Kopf auf die Knie gelegt und pennte
ihren Rausch aus, alles wie immer.
Der Hund lag daneben, auf seiner Decke. Der lag noch nie im Dreck.
Vor der Alten war eine große Lache Gekotztes, möglich, daß es von ihr war oder auch nicht.
Und die junge Frau wurde immer unruhiger, sie sah so unglücklich aus, daß man fast Mitleid kriegte. Die romantische Stimmung war jedenfalls im Eimer.
Schließlich standen die beiden auf, nahmen ihre Decke und gingen. Ich hätte meinen Hintern verwettet, daß sie da runtergingen und genauso war´s!
So nach zehn Minuten tauchten sie unten auf. Ganz vorsichtig. Die Frau zuerst.
Sie blieb stehen, als der Hund aufwachte und kurz durch die Zähne wuffte.
Sie redete mit dem Hund, der stand jetzt auf und bellte, dann wachte auch die Alte auf.
Sie hob den Kopf mit den langen grauen Haaren, sah aus wie ein mottenmähniger Löwe,
aber irgendwas war an ihr, dass man dachte, die muß früher mal verdammt gut ausgesehen haben !
Als die junge Frau langsam nähertrat, wurde der Hund wild und zerrte an seiner Leine,
die Alte zog die Knie unter und stand schwankend auf. Sie stierte das Pärchen an.
„Can we help you?“ rief die junge Frau „Podemus ayudarle?“
Zweisprachig, aber nutzlos.
Die Alte stieß ihre Hände mit den Handflächen nach vorn in die Luft, riß ihre Tasche und die Hundedecke vom Boden und verschwand mit Hund und Zubehör durch einen der dunklen verpinkelten Stollen.
Zurück blieben die Frau und der Mann, mit leeren Kindergesichtern,
die Frau zog die Schultern hoch, machte eine hilflose Geste.
Ich hätte es ihnen sagen können. Die Alte ist bekannt. Sie mag nur ihren Hund.
Soll mal Tänzerin gewesen sein.
So ist das Leben.